Takemusu Aikido Erlangen

 
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Erschienen in der Mitgliederzeitung des TB-Erlangen, Ausgabe IV/2006.

Budo für Kids:

"Trainingskonzept zeigt Erfolge".

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Nachdem im letzten Jahr die magische Zahl von 36 Schülern überschritten wurde, haben wir im Februar die Schülergruppe geteilt. Seitdem gibt es ein Basistraining (Mittwochs 17:15-18:15), gefolgt von einem Fortgeschrittenentraining (18:20-19:20). Die Trennung ist uns nicht ganz leicht gefallen, weil es ja eine Leistungsdifferenzierung mit sich bringt, die wir im Budo zu vermeiden suchen.

Budo ist nicht nur eine körperliche Ertüchtigung, Budo ist auch eine Philosophie. Raufen und sich zu verteidigen wissen ist doch nur für den Plan B, wenn alle anderen Maßnahmen zur Gewaltvermeidung nicht geholfen haben. Vor einer Eskalation stehen doch die Überlegungen, wie man eine Situation deeskalieren kann. So sollte man nicht provozieren und sich auch nicht provozieren lassen. Man soll sich entspannen und nicht emotional werden. Man soll sich artikulieren und doch mit seiner Rhetorik nicht provozieren. Kann man Kinder mit solchen Theorien überfordern?

Was haben wir zu verlieren? Wir haben es versucht und werden es auch weiter versuchen. Natürlich altersgerecht und situationsangepasst - am besten im Rollenspiel. So haben wir den Kindern die vier Stufen des Budo vorgespielt. Die erste Stufe des Budo: Der "Primitivling" - er packt sich ein zufälliges Opfer und schlägt grundlos zu, ohne jegliche Rücksichtnahme. Die zweite Stufe des Budo: Der "Dummkopf" - er provoziert jemanden, der ihn daraufhin angreift - und der Dummkopf liebt es, sich professionell selbst zu verteidigen und den Angriff zu neutralisieren. Die dritte Stufe des Budo: Der "Anfänger" - ohne jeden Grund möchte sich jemand mit dem Anfänger "schlägern" und dem bleibt nichts anderes übrig, als sich zu verteidigen, den Angreifer zu werfen und festzulegen. Die vierte Stufe des Budo: Der "Meister" - er läuft daher und liest in einem Buch und wird ohne Grund angegriffen. Geschickt weicht er aus und lässt jeden Angriff ins Leere laufen, ohne sich von seiner eigentlichen Tätigkeit, dem Lesen eines Buches, abbringen zu lassen.

An der Stelle gab es nur eine kleine Panne, die bei den Kindern grosses Gelächter ausgelöst hat. Weil mein Trainingspartner wohl das Konzept nicht so ganz verstanden hatte, wollte er einfach nicht aufhören mich anzugreifen, so dass ich ihn zum Schluß doch werfen mußte. Meine pädagogische Zielsetzung wurde auf den ersten Blick von meinen Schülern unterlaufen, mit einer Antwort, die ich schon befürchtet hatte. Auf die Frage, wen fandet ihr am besten, kam nämlich lautstark, verbunden mit Gelächter: "Der Primitivling". Man sollte sich nicht von solchen Fassaden irritieren lassen. Schon Kinder benutzen Rhetorik als Verteidigung in einer erstaunlichen und faszinierenden Form. Mit dem Spiel haben wir eindrucksvoll eine Wertvorstellung vermittelt - und es ist eine Freude, zu sehen, dass diese Wertvorstellung nicht in Frage gestellt wurde. Im Falle einer Ablehnung wissen sich Kinder schon ganz anders zu artikulieren.

Budo, oft lediglich als Sammelbegriff für Kampfsporttechniken verwendet, beinhaltet eine Philosophie, die über die sportliche Aktivität hinausgeht. Am Anfang steht der Respekt gegenüber alltäglichen Dingen. Der Raum, in dem man sich bewegt, ist nur geliehen. Man muß dafür dankbar sein. Der Körper, in dem man sich befindet, ist nur geliehen. Man muß sorgsam mit ihm umgehen. Der Partner - ist nur geliehen. Man hat eine Verantwortung dafür, dass sich der Partner beim Training nicht verletzt. Ein Wurf muß der Fähigkeit des Partners angepasst sein, wie er die Fallschule beherrscht. Nicht nur dem Lehrer, auch seinem Trainingspartner bringt man Respekt entgegen.

"Budo für Kids" wird von der Aikido-Abteilung des Turnerbundes angeboten und Aikido geht, im Vergleich zum Judo, sogar noch einen Schritt weiter. Der "sanfte Weg (Judo)" beinhaltet Regeln zum "Raufen", die eine Verletzungsgefahr minimieren. Doch es gibt Wettkämpfe, bei denen es einen Sieger gibt und einen Verlierer. Letzterer mag körperlich nicht verletzt sein, aber aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, es schmerzt trotzdem. Selbst als Sieger war meine Freude getrübt, ob der Zerknirschtheit meines besiegten Gegners. Im Aikido, "in Harmonie aber mit Bestimmtheit seinen Weg gehen", wird diese Situation vermieden, indem es gar keine Wettkämpfe gibt. Wobei jetzt der Kreis zur Gruppenteilung geschlossen ist.

Diejenigen, denen vorgeschlagen wurde, im "Basistraining" zu bleiben, haben sich natürlich zurückgesetzt gefühlt. Zwei Bedingungen müssen erfüllt sein, um zum Fortgeschrittenentraining vorgeschlagen zu werden: Man muß den 9. Kyu besitzen (gelber Gürtel) und darf nicht mehr als einmal innerhalb eines Monats gegen eine Dojoregel verstossen haben (Pünktlichkeit, Sauberkeit, Disziplin, Respekt und Verantwortung). Es gibt auch noch eine dritte, nicht offen kommunizierte Bedingung: Im Fortgeschrittentraining ist die Anzahl der Spiele signifikant reduziert und das Trainieren der Techniken wesentlich disziplinierter. Es ist wichtig, dass man die Spielphase in der kindlichen Entwicklung nicht zu früh terminiert. Wir wollen doch nicht auch noch in der Freizeit einen Leistungsdruck aufbauen. Die spielerische Phase ist ein wichtiges Element, dass man solange ausnutzen sollte, wie es angemessen ist (Ehrlich gesagt, selbst als Erwachsener liebt man doch zu spielen. Man tarnt es nur entsprechend). "Ich brauche Dich; für die Spiele" - hat vielen begabten Kindern den Verbleib im Basistraining erleichtert.

Dr. Wolfgang Nitz
(1. Dan Aikido, 1. Kyu Judo)

   
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